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Grundlagen · Muster

Der Flynn-Effekt: Steigen die IQ-Werte noch – oder sinken sie?

Über weite Teile des 20. Jahrhunderts stiegen die durchschnittlichen Ergebnisse in IQ-Tests von Generation zu Generation. Neuere Daten aus Norwegen und den USA zeigen ein gemischteres Bild. Was die Studien tatsächlich fanden.

IQ-Arion-Redaktion4 Min. Lesezeit

Stell dir vor, du gibst einer Gruppe junger Erwachsener von heute einen Intelligenztest – genau so, wie er bei ihren Großeltern eingesetzt wurde, und ausgewertet mit den Normen der Großeltern. Über weite Teile des 20. Jahrhunderts hätte die jüngere Gruppe dabei deutlich besser abgeschnitten. Dieser stetige Anstieg der Testergebnisse ist als Flynn-Effekt bekannt, benannt nach dem neuseeländischen Forscher James R. Flynn, der ihn systematisch dokumentiert hat. Die spannende Frage ist heute, ob er noch immer anhält.

Was Flynn herausfand

In einer Arbeit von 1987 trug Flynn Daten aus 14 Ländern zusammen, in denen dieselben oder vergleichbare Tests verschiedenen Generationen vorgelegt worden waren. Das Muster war einheitlich: Die Werte waren innerhalb einer einzigen Generation erheblich gestiegen, in manchen Datensätzen dramatisch. Am größten waren die Zuwächse bei Tests zum abstrakten Denken – etwa bei Mustermatrizen, in denen man die Regel sucht, die Formen in Zeilen und Spalten verbindet –, kleiner bei Tests zu erlerntem Wissen wie dem Wortschatz.

Dieses Detail ist wichtig. Wären die Verbesserungen vor allem dadurch entstanden, dass mehr Schulbildung mehr Fakten vermittelt, würde man das umgekehrte Muster erwarten. Flynn folgerte, dass die Tests nicht einfach eine feste, angeborene Fähigkeit messen konnten: Irgendetwas in der Umwelt der Menschen veränderte die Art, wie sie an abstrakte Probleme herangingen.

Ein Jahrhundert Daten in einer Analyse

2015 trugen Jakob Pietschnig und Martin Voracek die verfügbaren Befunde in einer formalen Metaanalyse zusammen: 271 unabhängige Stichproben mit fast vier Millionen Teilnehmenden, getestet zwischen 1909 und 2013. Ihre Ergebnisse bestätigten Zuwächse über das gesamte Jahrhundert, wiederum am größten beim fluiden Denken (dem Lösen neuer Probleme) und am kleinsten bei den kristallinen Fähigkeiten (dem Anwenden von Gelerntem).

Sie stellten außerdem fest, dass die Zuwächse in den jüngeren Jahrzehnten kleiner geworden waren. Was auch immer den Flynn-Effekt angetrieben hatte – zumindest in manchen Teilen der Welt schien er an Schwung zu verlieren.

Die Umkehr in Norwegen

Der meistzitierte Beleg für eine Trendwende stammt aus Norwegen, wo die große Mehrheit der jungen Männer bei der Musterung zum Wehrdienst denselben kognitiven Leistungstest absolvierte – mit Aufgaben zu Rechnen, Wortähnlichkeiten und Figurenmatrizen. Bernt Bratsberg und Ole Rogeberg analysierten die Werte von Männern der Geburtsjahrgänge 1962 bis 1991. Bei den bis Mitte der 1970er-Jahre Geborenen stiegen die Werte, danach begannen sie zu sinken.

Ein solcher Rückgang könnte mehrere Erklärungen haben. Eine Möglichkeit ist eine Veränderung darin, wer Kinder bekommt – etwa wenn Familien mit niedrigeren Durchschnittswerten mehr Kinder hätten. Die Forscher prüften das direkt, indem sie Brüder innerhalb derselben Familie verglichen. Der Anstieg und der spätere Rückgang zeigten sich auch innerhalb der Familien. Da Brüder dieselben Eltern haben, kann eine Veränderung darin, welche Familien Kinder bekommen, das Muster nicht erklären. Die Autoren folgerten, dass sowohl der Anstieg als auch der Rückgang auf Umweltfaktoren zurückgehen.

Und in anderen Ländern?

Aus anderen Ländern ist die Datenlage lückenhafter. Eine Studie von Elizabeth Dworak, William Revelle und David Condon aus dem Jahr 2023 betrachtete fast 400.000 Erwachsene in den USA, die zwischen 2006 und 2018 einen kognitiven Online-Test absolviert hatten. Die Werte bei mehreren Aufgabenarten – darunter Mustermatrizen, sprachliches Schlussfolgern sowie Buchstaben- und Zahlenreihen – fielen in späteren Jahren tendenziell niedriger aus, während die Werte bei dreidimensionalen Rotationsaufgaben stiegen.

Es handelte sich um eine große, aber selbstselektierte Online-Stichprobe, nicht um eine repräsentative, und die Autoren äußern sich vorsichtig dazu, wie weit sich die Ergebnisse verallgemeinern lassen. Dennoch deutet die Studie darauf hin, dass sich Testwerte nicht für jede Art von Fähigkeit in dieselbe Richtung verändern müssen.

Warum stiegen die Werte überhaupt?

Eine einzige, allgemein anerkannte Antwort gibt es nicht. In der Forschung diskutierte Erklärungen sind unter anderem bessere Ernährung und Gesundheit, mehr und längere Schulbildung, kleinere Familien und eine Welt, die von Menschen zunehmend verlangt, in abstrakten Kategorien und hypothetischen Annahmen zu denken. Auch eine größere Vertrautheit mit testähnlichen Aufgaben könnte eine Rolle spielen. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass mehrere dieser Faktoren zusammenwirkten und dass ihr Einfluss je nach Land und Jahrzehnt unterschiedlich war.

Dieselbe Unsicherheit gilt für die jüngsten Rückgänge. Veränderungen in der Bildung, bei den Lesegewohnheiten, in der Mediennutzung oder darin, wie ernst Menschen einen Test nehmen – all das wurde als Ursache vorgeschlagen. Bisher konnte keine einzelne Ursache belegt werden.

Was das nicht bedeutet

  • Es bedeutet nicht, dass Menschen plötzlich „weniger intelligent werden“. Testwerte messen die Leistung bei bestimmten Aufgaben unter bestimmten Bedingungen. Sinkende Werte in einem Test sind nicht dasselbe wie ein allgemeiner Rückgang der Denkfähigkeit.
  • Es bedeutet nicht, dass sich die Gene verändert haben. Der norwegische Brüdervergleich weist auf Umweltursachen hin, und genetische Veränderungen innerhalb weniger Jahrzehnte wären viel zu langsam, um solche Verschiebungen zu erklären.
  • Es gilt nicht überall in gleicher Weise. Manche Länder zeigen weiterhin Zuwächse, andere Stagnation oder Rückgang, und für viele gibt es kaum gute Daten.

Warum das für jeden Test wichtig ist

Der Flynn-Effekt hat eine ganz praktische Folge: Die Vergleichsgruppe eines Tests veraltet. Sind die Normen Jahrzehnte alt, können heutige Testpersonen besser (oder, nach einer Umkehr, schlechter) dastehen, als sie es im Vergleich mit ihrer eigenen Generation täten. Deshalb müssen Tests regelmäßig neu normiert werden. Auch die Normen der IQ-Arion-App sind noch vorläufig: Bis etwa 3.000 Tests abgeschlossen sind, sind ihre Werte als „Beta“ gekennzeichnete Schätzungen – keine klinische Diagnostik –, danach werden die Normen regelmäßig neu berechnet.

Mustermatrizen, bei denen der Flynn-Effekt am stärksten war, sind auch Teil unseres kostenlosen Kurztests. Du kannst ein paar davon ausprobieren und schauen, wie du an sie herangehst.

Quellen

  1. 01Flynn, J. R. (1987). Massive IQ gains in 14 nations: What IQ tests really measure. Psychological Bulletin, 101(2), 171–191. doi.org/10.1037/0033-2909.101.2.171
  2. 02Pietschnig, J., & Voracek, M. (2015). One century of global IQ gains: A formal meta-analysis of the Flynn effect (1909–2013). Perspectives on Psychological Science, 10(3), 282–306. doi.org/10.1177/1745691615577701
  3. 03Bratsberg, B., & Rogeberg, O. (2018). Flynn effect and its reversal are both environmentally caused. Proceedings of the National Academy of Sciences, 115(26), 6674–6678. doi.org/10.1073/pnas.1718793115
  4. 04Dworak, E. M., Revelle, W., & Condon, D. M. (2023). Looking for Flynn effects in a recent online U.S. adult sample: Examining shifts within the SAPA Project. Intelligence, 98, 101734. doi.org/10.1016/j.intell.2023.101734

Korrekturen und Aktualisierungen

  • : Faktencheck: Beschreibung des norwegischen Musterungstests korrigiert und Hinweis auf die vorläufigen Beta-Normen von IQ Arion aktualisiert.

Über diesen Artikel

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